Fanny hat sich entschlossen, ihren Urlaub in einem Ferienhaus in Schweden zu verbringen – auch weil sie Abstand von ihrem bisherigen chaotischen privaten Leben gewinnen will, über das wir in Rückblenden einiges erfahren. In dem alten, ihr unbekannten Haus in der für sie ebenfalls unbekannten schwedischen Provinz öffnet sie sich neuen Beobachtungen, sie denkt nach über die Bilder, die in dem Haus hängen, sie ergreift Besitz von den Gartenmöbeln und vom Werkzeug, sie entdeckt, was schwedische Wörter bedeuten, sie stellt sich auf den Rhythmus eines anderen Landes ein. Diesen anderen Rhythmus hat auch die Sprache des Buches, was durch die geschickte Kontrastierung der ruhigen schwedischen Erfahrungen mit den Erinnerungen an Fannys bewegte Vergangenheit unterstrichen wird.
Die schönen Passagen dieses langsamen, aber nie langatmigen ersten Teils schrauben die Erwartungen an den (relativ kurzen) zweiten Abschnitt des Romans hoch; aber in diesem wird dann eigentlich nur noch, geschickt, fast zu geschickt, Handlung abgewickelt. Daß die Hauptfigur hinter den alten Fotos im Ferienhaus der Familie Lundberg eine ähnlich chaotische Welt von schwierigen Beziehungen entdeckt (oder sich zusammenfantasiert) wie die, vor der sie nach Schweden geflohen ist, ist zwar witzig, ist auch eine geistreiche Infragestellung aller Träume von idyllischem Leben; aber was Fanny da an Schrecken des Familienlebens zu entdecken glaubt – unter anderem einen Inzest, der aber dann, wenn es ihn überhaupt gegeben hat, doch nur ein scheinbarer gewesen ist -, was sie da herausgefunden zu haben meint, ist zu grell. Auch die, an sich sehr diskrete, Andeutung einer möglichen glücklichen Zukunft für Fanny paßt weder zu den – imaginierten? – Leichen unter den Lundberg’schen Teppichen noch zur sensiblen Erfahrung eines fremden Landes im ersten Teil des Romans.
Dieses Ungleichgewicht zwischen handlungsarmem, aber erfahrungsreichem ersten und handlungsreichem, aber erfahrungsarmem zweiten Teil des Romans mag damit zu tun haben, daß die Autorin, die sich klassischen Formen des Erzählens verpflichtet fühlt, zu einer Abrundung kommen will. Die Stärke des Romans sind aber nicht die Vermutungen über die Liebe, sondern das Ritual der Inbesitznahme eines fremden Hauses in einem fremden Land. Mit dessen Darstellung ist Ulrike Längle in einem bisher für sie fremden Land des Erzählens heimisch geworden.