Erzählt wird von der Psychotherapeutin Verena, die das Trauma nach der Ermordung ihres Mannes durch einen Unbekannten zu bewältigen versucht; von Katharina, der Frau eines oberösterreichischen Politikers, die verzweifelt Ereignisse der Vergangenheit in ihr Leben zu integrieren probiert; von Erik, einem orientierungslosen Jugendlichen, der sich um den Preis grausamer Mutproben einer Gruppe Gescheiterter anschließt.
Der Psychotherapeut Mitterbach – ja Therapeuten kommen bei Habringer gehäuft vor – kann als Alter ego des Autors gelesen werden. Er bezeichnet sich als „Geschichteneinholer“, „Gefühlsdampfgarer“, „Quellenanbohrer“, auch als „Hebammer“, und fasst das Buch prägnant zusammen: „Nichts, was es nicht gibt.“
Da gibt es Kuckuckskinder, Alzheimer-Patienten, Musiker, Professoren, Polizisten und der Unterwelt nahestehende Privatdetektive. Es gibt Affären, Probleme in der Familie, mit den Partnerinnen und Partnern und in der Politik. Habringer ist in gewisser Weise ein Zeitschriftsteller, indem er Vorkommnisse wie etwa den Linzer Swap-Skandal anspricht. Er beschreibt die Orte der Handlung genau so, wie sie heute erlebt werden können. So unerwartet die Geschehnisse sich auch entwickeln – die Umstände sind immer konkret. Das hilft der Glaubwürdigkeit des Erzählten.
Habringer hat dem neuen Roman wieder ein Zitat von Franz Kafka vorangestellt. „Wer kann das von oben vom Anfang bis zum Ende mit offenen Augen überblicken?“ Im Falle von Was wir ahnen sind es der Autor und seine Leserinnen und Leser, die die Verbindungen zwischen Dingen herstellen können, die den Protagonisten in der fiktiven Welt bestenfalls Ahnung bleiben. Das Buch illustriert so höchst anregend Verenas Frage „Was wissen wir darüber, wie die Dinge verbunden sind?“. Es zeigt sich, dass die Welt der Erzählung immer neue Unsicherheiten an den Tag bringt. Als Grundlage dieser Poetik nennt Mitterbach die narrative Therapie nach White und Epston, die bekanntlich „die Zähmung der Monster“ verspricht.
Tatsächlich gibt es genügend Monströses und Abgründiges im Leben der Menschen in Linz und Umgebung, Regensburg, Wels, Krumau und Stockholm, den Orten der Handlung. Das könnte den Eindruck erwecken, das Buch sei schwere Kost. Doch auf wunderbare habringerische Weise ist der Roman eine eher leichte Lektüre, die auch nach einem harten Arbeitstag noch zur Hand genommen werden darf. Der lockere Erzählton macht die Geheimnisse und Rätsel der Protagonisten zu einer klugen Unterhaltung.